Humboldts Tagebuch

Der tagelange Regen hatte die Niers zu einem reißenden Strom anschwellen lassen. 38 mutige KALOBRHIsten ließen es sich trotzdem nicht nehmen, sich an Bord von 19 Kanus den tosenden Fluten anzuvertrauen. Ein Reisebereicht, wie er am Amazonas abenteuerlicher nicht sein kann...

„Was mache ich hier?” „Welcher Teufel hat mich geritten, mich auf dieses Himmelfahrtskommando einzulassen?” „Ist das bisschen Ruhm das Risiko wert, von tosenden Wassermassen herab gerissen, ein nasses Grab zu finden?”

Solche oder ähnliche Gedanken zucken durch mein Gehirn, als ich fern der Heimat den wackligen Kahn besteige. Er soll nun für die nächsten Wochen und rund 7.000 km die Niers herunter mein zuhause sein.
Die einzige Versorgung für die ganze Mannschaft, die nun allmählich die 19 Boote besetzt hat: fünf Liter Bier, unsere einzige Nahrungsquelle, unser einziges Stück Heimat in der unwirtlichen Wildnis.

Nur der General des Unternehmens, Präsi André, lässt sich seinen unerschütterlichen Optimismus nicht nehmen, ist doch sein Maskottchen, das Quietscheentchen mit von der Partie. Treu wird es, nur durch ein dünnes Seil mit dem Heck unseres Seelenfängers verbunden, die ganze Reise unser Begleiter sein. Die ersten Kilometer ziehen wir an den endlosen niederrheinischen Sümpfen, unsicheren Uferanlagen und waghalsigen Spinnern in Schlauchbooten vorbei.

Nur einmal werden wir herzhaft lachen, nämlich als Anja irgendwie ihr rosa Höschen verliert. Doch schon folgt kurz hinter den berüchtigten Vinkrathfällen die Beinahekatastrophe, die das Unternehmen fast zum Scheitern verdammt.

Das Boot mit unseren tapfersten Kanuten Elke, Michael und Stefan kentert. Dramatische Rettungs- szenen in den tosenden Fluten. Ich rette zunächst erst mal das Bier. Das Schicksal einzelner Kameraden darf nicht den Erfolg der Mission gefährden, und ohne den Gerstensaft haben wir keine Überlebenschance. Doch unsere Helden in den stählernen Körpern kämpfen sich durch die Gischt und können nicht nur sich, sondern auch das Boot retten. Es stand auf Messers Schneide.

Andrea und Anja werden von der gefürchteten Niersnatter gebissen. Durch das die Hirnhäute reizende Gift verlieren sie vorübergehend die Orientierung und fahren im Zickzackkurs über den Fluss. Kurz bevor sie sich in den undurchdringlichen Mangrovenwäldern am Rande der Niers für immer verlieren hat unser Schiffsarzt ein Heilmittel parat, denn auch hier entfaltet ein gutes Bit ungeahnte Heilkräfte, weiß Professor Bruckner, alias Siggi.

Drei Boote weiter voraus gibt unser Impressario Elmar die Losung der kommenden Tage aus: immer voraus, sein Maat Biggi legt sich mächtig in die Ruder. Immer ein fröhliches „Stabat mater” auf den Lippen, verliert er nie seine Freude an dem gemeinsamen Erlebnis. Nur hin und wieder vermisst er seine blöde Orgel.

Unermüdlich arbeiten sich die Nussschalen durch einen der gewaltigsten Flüsse unseres blauen Planeten. Wir trotzen Piranhaschwärmen, tiefhängenden Brücken, die uns beinahe die Schädel wegrasieren, schlagen uns mit Malariamücken und heimtückischen Bierpiraten herum.

Aber Kilometer um Kilometer arbeiten wir uns voran. Denn KALOBRHI gibt niemals auf. Ein warmes Glücksgefühl macht sich in meinem Herzen bereit. Stolz bin ich, dieser sanges- und schlagkräftigen Truppe angehören zu dürfen.

Und irgendwann erreichen wir das Ziel, Wachtendonk, ein kleines Eingeborenendorf am Rande des Stroms, wo uns auch gleich der Guru begrüßt. Um besser erkannt zu werden, hat er seinen Titel auf sein primitives Wams aus Niersnatterhäuten geschrieben. Er begrüßt uns mit dem traditionellen Gruß.
Einiges kommt uns dabei sehr bekannt vor, wir fühlen uns gleich zu Hause.
Colonel Carina ist zufrieden, denn nicht mal die Euro sind nass geworden (wie schon einmal in der Sauer, aber das ist eine andere Geschichte), und so kann sie den primitiven Landbewohnern ihr Maislabyrinth abkaufen.
Dann feiern alle ein rauschendes Fest und das Überleben in ihrem Kampf gegen die Natur. Verdreckt, erschöpft bette ich irgendwann meinen geschundenen und strapazierten Körper zur Ruhe.

Das nächste Abenteuer wartet schon: bald wieder ist Probe!