Eine deutsche Erstaufführung

Einige waren wohl ganz schön nervös, als nach dem Proben-marathon der letzten Wochen die Premiere des Magnificat für Chor, Orgel und zwei Trompeten von Roger Calmel zur deutschen Erstaufführung anstand, und zwar in Grefrath. Rund 150 Zuhörer hatten sich in der St. Laurentius Pfarrkirche eingefunden, um diesem Ereignis beizuwohnen, und ein Ereignis war es auch.

Jean-Paul Imbert, Elmars ehemaliger Lehrer, der aus Paris angereist war, eröffnete das gut einstündige Pro- gramm mit einem Orgelstück von Alexandre Guilmant, ehe wir unseren ersten Auftritt mit drei Motetten Henri Carols hatten, die, bis auf eine win- zige, kaum erwäh- nenswerte und den- noch vom Tenor gerne breitgetre- tene Ungenauigkeit beim Bass im Sub tuum ausgezeichnet gelangen.
Eine anwesende Reporterin zu Elmar: „Wie machen Sie das nur, dass der Chor wie an einem Lautstärkeregler gedreht laut und wieder leise wird?” Ein echtes Kompliment für unser gewachsenes dynamisches Verständnis.

Nach weiteren Orgelvariationen, diesmal von Marcel Dupré, dann das Magnificat von Roger Calmel: Mit dem vollen Klang der Orgel, der Trompeten (ausgezeichnet Christian Herget und Alexander Valerstein) sowie des 50-stimmigen Chores dröhnte die mit einer schönen Akustik versehene Grefrather Kirche.
Wo waren die Höhepunkte des Magnificats? Das Säuseln der Frauen beim Esurientes? Waren die Männer böse genug beim Deposuit? Wahrscheinlich war es doch das Sicut locutus est mit dem irgendwo unter dem Kirchendach schwebenden Sopran. Klasse! Gänsehaut!
Und als es nach dem letzten dröhnenden Amen stehende Ovationen gab, wussten wir, wofür wir uns von Elmar wochenlang haben quälen lassen.

Die zweite Aufführung in Mönchengladbach-Windberg vor rund 100 Zuhörern bescherte uns nun eine ganz andere Akustik sowie einen transparenteren Orgelklang.
Aber souverän meisterten wir hier auch zum zweiten Mal das volle Programm; auch hier standen die Zuhörer letztlich ergriffen und applaudierten. Dass Elmar in der Windberger Kirche immer noch ein Heimspiel hat, bewies ein Zuhörer, der sich seiner Nachbarin anvertraute: „Den kenne ich noch von früher; aus dem ist ja richtig was geworden!”

Der Auftritt in Kevelaer schließlich brachte dann für uns alle nochmals eine Steigerung. Der pompöse Klang der großen Seifert-Orgel brachte Calmels Noten noch mal richtig zum Klingen. Die 200 Zuschauer in der Marienstadt dankten dem Konzertgenuss auch mit „standing ovations”, hier und da Tränen der Rührung, und kein Gedanke, dass die Orgel vielleicht zu laut sein könnte, nachdem Jean-Paul Imbert sich nach der Probe etwas zurückhielt.

Und dann der Dom zu Aachen: Es war schon ein erhebendes Gefühl, an dieser historischen Stätte aufzutreten. Die Position des Chores auf der Empore neben der Orgel kostete vielleicht etwas Konzentration, aber es war ein Genuss, Imbert an der Orgel beobachten zu können. Während die wildesten Töne durch die Domkuppel hallten, blieb unser Gast aus Paris sehr ruhig: Es bewegten sich nur die Finger, und die Unterlippe zuckte im Takt.

Ein Fazit: Insgesamt fast 600 Zuschauer haben unsere Erwartungen übertroffen.
Wir sind doch ein „Turnierchor”. Nach anfänglicher Skepsis hatte Elmar uns nicht nur auf den Punkt gebracht, sondern uns auch an den Aufführungstagen die notwendige Motivation und den Spaß an der Musik vermittelt. Es waren völlig unkomplizierte Konzerte mit einem fantastischen Organisten und tollen Bläsern - und wir hatten unsere Erstaufführung.